Katastrophenszenario fern der Realität?
„Weg mit der Turbo-Schule“, Nr. 34 (26.8.)
In ihrem Beitrag zum achtjährigen Gymnasium beschwört Frau von Lehm ein Katastrophenszenario herauf, das ich für nicht nachvollziehbar halte. Das Turboabitur wird nicht nach acht, sondern zwölf Schuljahren abgelegt. Dies ist tatsächlich eine Reduktion der realen Schulzeit für Gymnasiasten um 7,7 Prozent. Damit sollte das Bildungsniveau nicht derart absinken, dass die Gymnasialabsolventen ins Bodenlose abstürzen und berufliche Karrieren zerstört werden. Berücksichtigt man die Tatsache, dass im Regelfall der schulischen Ausbildung eine universitäre oder sonst weiterführende Ausbildung folgt, relativiert sich die Reduktion um ein Jahr doch erheblich.
Dr. Johannes Koch, 50997 Köln
Der Beitrag reizt einen Gymnasiallehrer zum Widerspruch, der in 30 Dienstjahren mehrere tausend Schüler unterrichtet, Gymnasiallehrer ausgebildet, Lehrer aller Schulformen fortgebildet und zahlreiche „Reformen“ des Gymnasiums erduldet hat. Selbst wenn die pauschalen Behauptungen der Autorin zu den finsteren Mächten in der Wirtschaft, zu opportunistischen Politikern, zur Fehlinterpretation der ersten Pisa-Studie und dem Ruin des Familienlebens durch die Schule tatsächlich zuträfen, so zieht sie den völlig falschen Schluss aus ihren Befunden. Nicht für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium, sondern für die Optimierung des achtjährigen Gymnasiums sollte sie ihre journalistischen und schriftstellerischen Möglichkeiten einsetzen. Ganz offensichtlich befürworten anstrengungsbereite Schüler sowie entspannte Eltern grundsätzlich die Verkürzung der Schulzeit um ein Jahr. Allerdings sollte diese Verkürzung einhergehen mit einer umfassenden Revision der Lehrpläne aller Fächer und einer Reduzierung der Anzahl der Pflichtfächer in den einzelnen Schuljahren.
Dr. Werner Schneider, 53721 Siegburg
Den Ausführungen der Autorin kann ich nur vollinhaltlich zustimmen. Seit langen Jahren unterrichte ich die gymnasiale Oberstufe mit ebenso langen Erfahrungen in der Mittelstufe. Alles Hin und Her, Auf und Ab, methodisch-didaktische Kreationen mit Unfehlbarkeitsanspruch, papier- und zeitfressende Evaluationsorgien sind mir vertraut.
Ich hatte zum Abi 2008 einen auf freiwilliger Basis zustande gekommenen Turbokurs in Deutsch. Einerseits nahm die Zahl der Teilnehmer im Verlauf der acht Jahre deutlich ab, andererseits gab es dann ein hervorragendes Abitur. Meine Erfahrung: G8 eignet sich nur für Schülerinnen und Schüler, die die intellektuellen Fähigkeiten und die persönliche Konstellation dafür mitbringen. Andere haben darunter erheblich zu leiden. Es gibt junge Leute, die zur Persönlichkeitsentwicklung länger brauchen, ohne deshalb dümmer oder unerzogener zu sein. Diese sind dann bei G8 benachteiligt, intellektuell unterfordert bei der in G8 unausweichlich nötigen Absenkung des Niveaus. Die Entwicklung von Jahrgangsstufe 12 bis 13 kann beeindruckend sein! Offensichtlich pfuschen Leute in der Schulpolitik herum, die nichts von jugendlichen Persönlichkeiten verstehen wollen, noch nie über Jahre hinweg Gymnasiasten zum Erfolg geführt haben und dabei erfolgreich jugendliche Kuddelmuddelköpfe aufräumen halfen. Bildung und Erziehung brauchen Zeit. Im Mittelpunkt der Schulpolitik muss der jugendliche Mensch stehen. Also: G8 und G9 nebeneinander!
Hugo Birkhofer, 88348 Bad Saulgau
„Weg mit der Turbo-Schule“ ist ein zu starkes Geschütz. Besser wäre zunächst eine Reform der Reform, um dem Grundanliegen doch noch eine Chance zu geben. Die Kultusministerien haben vermeidbare Fehler bei der Umsetzung gemacht. Die Lehrpläne wurden überfrachtet, die Stundentafeln ungeschickt verteilt, die Lehrkräfte durch mehr Bürokratie belastet. Der modische Schwenk auf sogenannte Kompetenzen hat eher geschadet als geholfen. Insgesamt täte mehr Gelassenheit gut.
Hermann Schulze-Berndt, 48455 Bad Bentheim
Ich leite das katholische Ganztagsgymnasium Theresianum in Mainz. Wir sind im dritten Jahr G8-Gymnasium durch freiwilligen Beschluss des Kollegiums und der Elternvertretung. Falls Sie es wünschen, sind mein Stellvertreter und ich gern bereit, unser G8-Konzept darzustellen, das sich bei Eltern und Schülern hoher Akzeptanz erfreut. Gern sind wir auch bereit, unser bisher gelungenes G8-Konzept vorzustellen. Ich halte es für dringend notwendig, dass neben die Behauptung von Frau von Lehm, dass die auf acht Jahre verkürzte Gymnasialzeit den Kindern schade, ein positiver Gegenentwurf gestellt wird, der sich im dritten Jahr der Umsetzung befindet.
Helmut Schmid, Schulleiter Gymnasium Theresianum, Mainz
Nicht nur aus dem im Artikel geschilderten Szenario geht hervor, dass die Bildungspolitiker bei der durchaus sinnvollen Einführung des G8 zur Angleichung an internationale Verhältnisse in einem wesentlichen Punkt zu kurz dachten. Ohne eine gleichzeitige flächendeckende Einrichtung der Ganztagsschule konnte die zeitliche Reduzierung die Nachteile des nach wie vor ebenso kopflastigen G9 nur noch verstärken: Überfrachtung der Lehrpläne mit etlichen durchaus verzichtbaren Inhalten; zu wenige bis zum Abitur abwählbare Fächer; Einzwängung des Frontalunterrichts in den Vormittag mit fragwürdiger Ergänzung durch zu viel Hausaufgaben. Der Widerstand gegen eine flächendeckende Ganztagsschule, in die allerdings eine Befassung der Lehrerschaft auch mit „Übungen“ als originär pädagogische Leistung gehörte, verkennt offensichtlich, dass es in Deutschland außerhalb der Schulzeit wegen der Hausaufgabenmenge kaum „Spielraum“ für sinnvolle „außerschulische“ Aktivitäten der Schüler gibt. In den im angelsächsischen Raum üblichen Ganztagsschulen nennt man diese „extracurricular“, obwohl sie in einem aufgelockerten Tagesunterrichtsrhythmus als charakter- und persönlichkeitsbildende Elemente von den verfügbaren regulären Lehrkräften begleitet werden müssen. Nur verpflichtendes und gutes Angebot schafft Nachfrage. Dazu gehören auch Sport und Gruppenspiele täglich und nicht nur ein elitärer Sportunterricht ein- oder zweimal die Woche.
Dass eine durchdachtere Konzeption des G8 mit flächendeckender Ganztagsschule gesamtwirtschaftlich kostenträchtiger sei, wäre erst noch zu beweisen. Wenn ja, stünde den höheren Kosten vermutlich erheblicher Nutzen gegenüber: Entlastung alleinerziehender oder berufstätiger Elternteile, die unter den Folgen des sechsstündigen Unterrichts ihrer Kinder eher leiden; höhere Motivation und mehr Erfolgserlebnisse guter Lehrkräfte mit leistungswilligeren Schülerinnen und Schülern; nicht zuletzt Chancen besserer Integration von Migrantenkindern nach Einführung der Ganztagsschule auf allen Schulstufen.
Walter Romahn, 82438 Eschenlohe
Balsam für die Einsamen
„Der Musi-Moses“, Nr. 34 (26.8.)
Raoul Löbbert beschreibt in seinem Artikel über die Hansi-Hinterseer-Tage in Kitzbühel ein Phänomen, das mir schon lange auffällt. Volksmusik scheint Balsam und Auffangbecken für die Einsamen oder von der Gesellschaft weniger Beachteten zu sein. Denn es wird genau dieses Bild der heilen Welt, in der sich alle lieb haben und nett zueinander sind, aufgebaut, das eventuell im eigenen Leben nicht mehr gegeben ist. Die Leute gehen darin auf und sehen nicht, wie sie rein um des Kommerzes willen nur vorgeführt werden. Schön, dass endlich ein Artikel dieser falschen Illusion gewidmet wurde.
Andrea Martin, 50676 Köln
Wie konnten Sie einen Autor, der der Volksmusik und Hansi Hinterseer so negativ gegenübersteht, nach Kitzbühel schicken? Über 10 000 Fans waren vor Ort. Sollen die sich alle irren? Für uns ist das Wochenende unvergessen.
Gerline Overzier, per E-Mail
Volk ohne Stabilität
„Es fehlen klare Sätze“, Nr. 33 (19.8.)
Der Leitartikel von Michael Rutz zur Regierungskoalition bringt es bereits im ersten Satz gut auf den Punkt. Denn das wesentliche Problem dieser Bundesregierung besteht darin, dass eine klare inhaltliche Linie überhaupt nicht erkennbar ist. Mit der Folge, dass das Wichtigste fehlt, was eine Gesellschaft gerade in einer wirtschaftlichen Krise benötigt: und zwar Stabilität und Verlässlichkeit. Denn Menschen und Unternehmen müssen ihre Zukunft planen können, was aber umso schwerer fällt, wenn die Politik ihre vorherrschende Meinung alle 24 Stunden ändert – und sich weniger von ursprünglichen Überzeugungen als vielmehr von kurzfristigen Meinungsumfragen abhängig macht. Deshalb muss sich vor allem die Union in ihrem politischen Denken radikal ändern, wenn sie nicht hohe Wahlniederlagen riskieren will. Zumal die Partei auch bei wichtigen sozialen Fragen nicht mehr nahe bei den Bürgern ist, sondern jene zunehmend sich selbst überlässt!
Rasmus Ph. Helt, 20535 Hamburg
Bauen am Turm von Babylon
„Sprengkraft der Vergebung“, Nr. 34 (26.8.)
Wunibald Müller spricht in seinem Artikel zum Missbrauch über einen zentralen Punkt des kirchlichen Lebens, den der Vergebung. In der Tat sind die Reue und die Vergebung oder Verzeihung oft der Dreh- und Angelpunkt für ein gutes Miteinander. Aber wie alle Artikel dieser Serie wird auch in diesem Artikel die theologische Dimension der Kirche völlig ausgeblendet. Müller schreibt: „Uns Christen verbindet etwas.“ Nebulöser kann man es gar nicht ausdrücken. Wir sind Glieder des Leibes Christi, wir gehören zum Volk Gottes, Jesus Christus verbindet uns. Sünde sowie die anschließende Reue und die Verzeihung müssen auch diesen Aspekt berücksichtigen. Der gesamte Artikel spricht lang und breit über Reue und Vergebung, ohne mit einem Wort auch nur die Beichte zu erwähnen. Die Kirche wird hier als soziologische Größe verstanden, und die „Baustelle Kirche“, von der hier die Rede ist, scheint mir von manchen zu einer Baustelle am babylonischen Turm gemacht zu werden, dessen Schlussstein nicht Jesus Christus ist. Insofern ist dieser Artikel (und manche Artikel der Serie zuvor) nicht ein Wegweiser aus der Krise, sondern ein Symptom der Krise selbst.
Christoph Grunewald, 49692 Cappeln
Der Prozess des Verzeihens erfordert ein Schuldeingeständnis gegenüber den Geschädigten, Verletzten oder Erniedrigten. Ein anonymes Schuldbekenntnis – etwa im Beichtstuhl – kann dieses Erfordernis niemals erfüllen. Nur ein völlig offener und natürlicher Umgang mit unserer menschlichen Geschlechtlichkeit könnte dazu beitragen, dass insbesondere katholische Geistliche und Ordensleute ihre sexuelle Triebhaftigkeit in geregelte Bahnen leiten. Es bedarf konsequenter Schritte seitens der Kirchenleitung, um ein solches Umsteuern einzuleiten und durchzusetzen. Nur so kann die Kirche überhaupt wieder jene Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, ohne die jede „Frohe Botschaft“ ungehört bleiben wird.
Yvonne Walden, 41334 Nettetal